Aufrecht stehen! … eine Frage des Rückgrates, nicht der Wirbelsäule

Dieses Kunstwerk, die auf ihm abgebildeten Menschen und die Geschichte seiner Hängung standen im Mittelpunkt unserer Veranstaltung am 17. Juni 2025 – dem Jahrestag des Volksaufstands in der DDR 1953. Der Gedankenaustausch, der an diesem Tag durch Redebeiträge von Prof. Dr. Rainer Vor (Vorstandsvorsitzender der Stiftung Friedliche Revolution), Prof.in Dr. Eva Inés Obergfell (Rektorin der Universität), Thomas Vogel (Vorstandsvorsitzender der Werner-Schulz-Initiative e.V.) sowie der Lesung aus einem unveröffentlichten Manuskript von Linde Rotta und einer Textpassage aus Jakob Springfelds Buch „Unter Nazis“ angestoßen wurde, konnte beim anschließenden Empfang fortgeführt werden. , auch 

An diesem Abend zeigte sich einmal mehr, wie Kunst es vermag, Fragen zu stellen, Reflexionsräume zu schaffen und uns mit unserer eigenen Haltung zu konfrontieren – auch und gerade im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Gerade jetzt, in Zeiten großer politischer und gesellschaftlicher Verwerfungen, hat die Frage „Was heißt es heute, aufrecht zu stehen?“ eine besondere Relevanz. Inés Obergfell und Rainer Vor gaben hierzu Denkanstöße: Die vielzitierte Neutralität in der Lehre werde dort zur Pflicht, wo es um die Verteidigung unserer Verfassung und demokratischer Grundwerte gehe. „Aufrecht stehen …“ mahne uns, Verantwortung zu übernehmen und sich den Diskussionen und Kontroversen zu stellen.

 

Die Autorin Linde Rotta, langjährige Lebensgefährtin von Erich Loest, stellte Auszüge aus ihrem bislang unveröffentlichten Manuskript zur Entstehung des Bildes vor und gab über die Auseinandersetzungen um dessen Hängung einen sehr persönlichen Einblick. Thomas Vogel, Vorsitzender der Werner-Schulz-Initiative erinnerte an den beherzten Einsatz von Werner Schulz, der 2015 maßgeblich dazu beigetragen hatte, dem Bild zu einem würdigen Platz an der Universität Leipzig zu verhelfen. 

Beim Ausklang der Veranstaltung kam auch der Künstler und Schöpfer von „Aufrecht stehen…“, Reinhard Minkewitz, mit den Gästen des Abends direkt ins Gespräch und stellte mit Freude und Zuversicht fest, dass das Bild nun endlich angekommen sei und mit ihm weitergearbeitet wird.

Wir möchten alle ermuntern, sich weiterhin einzubringen, Fragen zu stellen und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen. Kunst und Erinnerungskultur sind keine statischen Größen – sie leben vom Engagement und der Haltung vieler. Das Gemälde bleibt, aber wir alle sind eingeladen, seine Botschaft immer wieder neu zu beleben.

 

 

Die Rede von THOMAS VOGEL auf der Veranstaltung

„Aufrecht stehen“ ist keine Frage der Wirbelsäule, sondern des Rückgrats. Die Dargestellten widerlegen Immanuel Kants Behauptung, dass der Mensch ein krummes Holz sei, aus dem nichts Gerades werden könne.“

 

Sagte Werner Schulz bei seiner Rede auf der Vernissage am 30. März 2015 hier in der Leipziger Universität. Da hatte sich auch für ihn endlich erfüllt, wofür er sich so lange – auch für seinen Freund Erich Loest – eingesetzt hatte – dass die aus seiner Sicht massiv beschönigende, ja verkitschte Darstellung der DDR-Realität in Werner Tübkes Bild „Arbeiterklasse und Intelligenz“ nicht unwidersprochen bleibt. 

Er hatte sich viele Jahre akribisch und intensiv mit der Geschichte des Bildes, seiner Entstehung und Rezeption auch nach 1989 beschäftigt.   

„Für die Auftraggeber der SED-Bezirksleitung war ‚Arbeiterklasse und Intelligenz‘ kein Vexierbild, sondern genau das was sie uns vormachen und zeigen wollten: die heile Welt der Diktatur.

Ich habe mich schon vor Jahren gefragt, was man wohl gekifft oder in welcher von der DDR abgeschirmten Welt gelebt haben muss, um darin die Wiedergeburt einer Renaissancekommune in einer sozialistischen Stadt zu sehen.“

 

Für seine ausdrucksstarke und klare Wortwahl, seine brillanten Reden und Bonmots war Werner Schulz bekannt, als DDR-Bürgerrechtler und als Abgeordneter des Bundestages und des Europaparlaments. 

Uns, den Mitgliedern der Werner-Schulz-Initiative ist es wichtig, Werners vehementen und beherzten Einsatz für Demokratie und Gerechtigkeit, in der DDR, im wiedervereinten Deutschland und vor allem in Osteuropa und Russland nicht zu vergessen und sein Vermächtnis weiterzutragen.

Dafür haben wir zwei Jahre nach seinem Tod den Verein der Werner-Schulz-Initiative im letzten Jahr gegründet; einen Werner-Schulz-Preis ins Leben gerufen und erstmals in diesem Jahr, am 22. Januar, seinem 75. Geburtstag, in Berlin vergeben.    

Wir möchten nicht nur eine bleibende Erinnerung an sein Wirken schaffen, sondern sein Engagement fortführen und diejenigen (wie auch uns selbst) ermutigen und unterstützen, die sich für Menschrechte und Demokratie heute einsetzen, hier in Deutschland und darüber hinaus.

„Mut ist ein kurzes Wort und schnell ausgesprochen. Aber es gehört mehr dazu ihn in unseren postheroischen Zeiten zu beweisen. Sind wir wirklich bereit für unsere Freiheit und pluralistische Gesellschaft, so wie die Aufrechten im Bild, den Kopf hinzuhalten? Ja, es gibt noch solche Menschen. Wie Boris Nemzow, der sich der Punischen Autokratie und Kreml-Propaganda widersetzt hat und in der Wahrheit leben wollte. Oder Stephane Charbonnier, der Chefredakteur von Charlie Hebdo, der nach einem Brandanschlag auf die Redaktion und Morddrohungen sich nicht einschüchtern ließ und mit den Worten die Presse- und Meinungsfreiheit verteidigte: ‚Ich ziehe es vor, lieber aufrecht zu sterben als auf Knien zu leben.‘ Was heißt in diesem Kontext: ‚Je sui Charlie‘? – Wir können uns nur wünschen, nicht so schnell auf die Probe gestellt zu werden.“

Sagte Werner Schulz bei seiner Rede auf der Vernissage am 30. März 2015 hier in der Leipziger Universität. Da hatte sich auch für ihn endlich erfüllt, wofür er sich so lange – auch für seinen Freund Erich Loest – eingesetzt hatte – dass die aus seiner Sicht massiv beschönigende, ja verkitschte Darstellung der DDR-Realität in Werner Tübkes Bild „Arbeiterklasse und Intelligenz“ nicht unwidersprochen bleibt. 

Er hatte sich viele Jahre akribisch und intensiv mit der Geschichte des Bildes, seiner Entstehung und Rezeption auch nach 1989 beschäftigt.   

„‚Aufrecht stehen‘ ist ein Bild, das im wahrsten Sinne Vorbilder zeigt. Sie sind der Gegenbeweis zur Selbstabsolution vieler Mitläufer: man hätte ja doch nichts machen können. Gerade in einem zunehmend digitalen Zeitalter, einer Twitter-Facebook-Selfie-Spaßgesellschaft, gilt es anschaulich zu vermitteln, dass sich eine wehrhafte Demokratie und Zivilcourage nicht einfach herunterladen lassen.“

Für uns ist Werner Schulz so ein Vorbild, da er Rückgrat zeigte, immer wieder auch unbequeme, aber doch richtige Positionen einnahm, wie sich im Nachhinein zeigte. Das wurde besonders deutlich in seiner Beschäftigung mit Russland und dem Putin-Regime, dessen imperiale Ansprüche er schon sehr früh äußerst kritisch begegnete und die deutsche Naivität vor allem der Politik gegenüber Putin anprangerte. 

Heute gefährdet genau diese Autokratie unsere Demokratie – von außen sehr sichtbar, mit der Voll-Angriff auf die Ukraine, der dort nicht enden wird – aber auch von innen, leider für viele weniger sichtbar, mit hybriden Angriffen, Desinformation und der Unterstützung all derjenigen, die demokratische Mitbestimmung in unserem Land abbauen oder gar ganz abschaffen wollen.  

„Das Wandbild und die darauf gezeigten Persönlichkeiten sind eine stumme Mahnung: Die opferreich und langwierig errungene Freiheit und Demokratie nicht leichtfertig zu verspielen. Wie schrill würde wohl der populistische Abgesang auf die parlamentarische Demokratie und freie Presse, den wir dieser Tage lauthals von PEGIDA und LEGIDA hören, in ihren Ohren klingen? Wie empörend würden wohl die jüngsten Sachbeschädigungen und Gewaltakte aus der linksextremen Szene auf sie wirken? Nein – ihr Eintreten für eine freie, solidarische und humane Gesellschaft darf nicht umsonst gewesen sein!“

Wir wollen diese Aufforderung von Werner Schulz entsprechen und weitertragen. Wir planen dafür weitere Veranstaltungen und auch die Ausschreibung von Werner-Schulz-Stipendien, mit denen wir Aktivisten und Engagierte aus der deutschen und europäischen Zivilgesellschaft fördern und unterstützen wollen.  

Wir freuen uns, dass wir dafür namhafte Unterstützerinnen und Unterstützer aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gefunden haben und gleichgesinnte Partner wie die Stiftung Friedliche Revolution. Mit ihr zusammen werden wir die nächste Festveranstaltung und Preisverleihung am 22. Januar 2026 hier im Paulinum in Leipzig organisieren und durchführen. 

Wir würden uns freuen, wenn wir Ihr Interesse geweckt haben und anschließend noch ins Gespräch kommen. Mit mir angereist sind auch Rebecca Harms, langjährige politische Wegbegleiterin von Werner und seine Tochter Frauke Bublies. Und natürlich Gesine Märtens hier aus Leipzig. 

Vielen Dank.  

  

Hier geht es zum Artikel der Leipziger Zeitung über die Veranstaltung „10 Jahre ‚Aufrecht stehen‘ in der Universität Leipzig“. Zudem kommen dort der Maler Reinhard Minkewitz und die Rektorin der Uni Leipzig Eva Obergfell in einem Videointerview zu Wort.

Hier gehts zum Bericht der Leipziger Zeitung.