Es gebe nur sehr wenige in der Politik, die durch und durch renitent seien. Dazu zählte, ohne jede Frage der 2022 verstorbene ehemalige Bürgerrechtler und Bundestags- bzw. Europaabgeordnete Werner Schulz. Er galt nicht nur als Stachel im Fleisch der Grünen, auch als einer der wenigen, die es wagten, sich mit Alphatieren wie Joschka Fischer anzulegen.

Das im September 2025 erschienene Buch „Mut zum Unmut – eine Anleitung zur politischen Widerspenstigkeit“ fordert auf „Nein!“ zu sagen. Renitenz, so die Autoren Matthias Meisner und Paul Starzmann, als erster Schritt für eine Kultur von Widerspenstigkeit, Ungehorsam oder Widerstand.

Als Gegenentwurf zu einer Haltung, die inzwischen weite Teile der Bevölkerung in Deutschland fest im Griff habe und mitunter zu ziemlich irrationalem und teils selbstschädigendem Verhalten führe. Dies bezeichnen die Autoren als Reaktanz, also der sture Trotz um des Trotzes Willen.

Gemeinsam sei beiden „Typen“ impulsives Handeln, sie verspüren Wut und Ärger über bestimmte Situationen und wehren sich. Renitente Menschen jedoch werden nicht von Trotz und Neid, sondern von ihrem Gewissen geleitet, von Pflichtgefühl und einem Sinn für Gerechtigkeit. Während die Reaktanten vorwiegend ihre eigenen Interessen vertreten, stehen Renitente oft auch für andere ein und wollen insgesamt etwas ändern.

Damit zurück zu Werner Schulz. Er war immer wachsam, wenn es um Bedrohungen der Demokratie ging und warnte früher als andere vor Putins Russland. In Diktaturen, wie der DDR, entwickelte nur eine Minderheit Widerstandsgeist. Der Weg von Werner Schulz, so beschreiben es die Autoren treffend, war nicht immer geradlinig. So hatte er, gegen seine Überzeugung, 1968 seine Unterschrift unter eine Resolution gesetzt, die den Einmarsch von Warschauer-Pakt-Truppen in die CSSR befürwortete. Später hat Schulz diese Unterschrift als „Genickbruch“ und zugleich als Wendepunkt bezeichnet. Er wollte nicht mehr gegen seine Überzeugung handeln.

Ein Vorsatz, den er eingehalten hat, sei es im Bundestag oder im Europaparlament genauso, wie in seiner politischen Heimat, Bündnis 90/Die Grünen. Es sei spannend zu beobachten, so Meisner und Starzmann, wie dieser in der Diktatur angelernte Widerstandsgeist in der Demokratie umgesetzt werde. 

Schulz blieb auch als Abgeordneter unbequem. Als Beispiel für seine aufrechte Haltung wird dafür seine berühmte Rede im Juli 2005 anlässlich der inszenierten Vertrauensfrage von Bundeskanzler Gerhard Schröder angeführt. Schröder hatte die Vertrauensfrage gestellt, um Neuwahlen herbeizuführen, obwohl die Regierung nach wie vor über eine ausreichende Mehrheit verfügte. Schulz betrachtete das als ein absurdes Geschehen, als Stimmungsdemokratie und als Tiefpunkt der demokratischen Kultur. Schließlich misstraue nicht die Mehrheit dem Kanzler, sondern der Kanzler misstraue seiner eigenen Mehrheit. Diese persönliche Erklärung wurde von der Universität Tübingen zur Rede des Jahres gekürt.

Es liegt in der Natur der Sache, dass hier Werner Schulz ausführlicher erwähnt wird. Das Buch zeigt viele Beispiele von Menschen aus unterschiedlichen Bereichen, etwa der Hausbesetzerszene, der Arbeitswelt, alternativer Medien oder „aufmüpfige“ Frauen, die die Gesellschaft nachhaltig geprägt haben.

Ein eigenes Kapitel ist der Politik gewidmet. Erwähnen möchte ich Heidi Reichinnek, die bei den aktiven Politikerinnen herausgestellt wird. Sie kann sich vorstellen, Renitenz punktuell einzusetzen. Gerade für Frauen sei es nicht so einfach, widerständig zu sein, meint sie. Sie warnt auch vor einer destruktiven Renitenz. „Linke neigen auch dazu, auf der eigenen Position zu verharren, um jeden Halbsatz zu kämpfen.“ Letztlich also ein Drahtseilakt, der nicht immer gelinge.

Drahtseilakt ist das Stichwort für einige abschließende Bemerkungen. Das Buch liefert viel spannendes Material für den Anspruch einer „Anleitung“ zur Widerspenstigkeit. Naturgemäß gibt es keine eindeutige Definition von Renitenz, was zu Abgrenzungsproblemen zur „Reaktanz“ führen kann. Andererseits warnt der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk gerade in der Politik vor einer leichtfertigen Vergabe des Etiketts „renitent“. „Widerspruch sei das Lebenselixier der Demokratie“. „Das aber sei „keine Renitenz“, sondern ganz normales demokratisches Verhalten in einer offenen Gesellschaft“.

Empfehlenswert sind die zwölf Gebote der Renitenz, kurz zusammengefasst eine Anleitung zum konstruktiven Ungehorsam. Und das Credo der Autoren, dem ich mich gerne anschließe: „Widerstand ja, aber fröhlich, nicht verbittert, fair, nicht fies!“

Mut zum Unmut – eine Anleitung zur politischen Widerspenstigkeit von Matthias Meisner und Paul Starzmann. Erschienen ist das Buch im Verlag J.H.W. Dietz Nachf. in Bonn.

Wolfgang Helm (Werner-Schulz-Initiative e.V., freier Journalist und lange Jahre Büroleiter von Werner Schulz in Bundestag und Europaparlament)